Als noch niemand von Smartphones sprach

«Hallo?»: An der ETH wurden um 1941 interne Versuche mit einer kleinen Telefonzentrale der Hasler AG durchgeführt (Bild links). Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Kein Touchscreen, dafür aber mit Wählscheibe: Ein Buch beleuchtet die Geschichte der Schweizer Telekomindustrie. Die Spuren führen auch nach Zürich.

Es war ein populäres Telefon: Die 1927 von der Firma Hasler entwickelte Tisch-Station mit runder Wählscheibe fand man in vielen Schweizer Haushalten. Die Eidgenössische Obertelegraphendirektion, ein Vorläufer der Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe (PTT) und der Swisscom, hatte es zum Normaltyp erklärt.

Früher konnten Schweizerinnen und Schweizer nicht wählen, bei welchem Unternehmen sie ihr Telefonabonnement abschliessen wollten. Selbst die Auswahl an Telefonapparaten war eingeschränkt. Als einziger Anbieter wirkte der Staat – bis zur Liberalisierung 1998. Aus den PTT gingen damals die Schweizerische Post und die Swisscom hervor.

Das Buch «Versuch, Erfolg, Irrtum. Telekomindustrie von Hasler zu Ascom» beleuchtet die Geschichte der Firma Hasler aus Bern, über Jahre führender Lieferant für Telefonzentralen und Telefonapparate. Autor Karl Lüönd, einst Chefredaktor der ehemaligen Wochenzeitung «Züri-Woche», beschreibt den Aufstieg und den Abstieg des Unternehmens – und gibt interessante Einblicke in die Schweizer Telekomindustrie. 1987 fusionierte Hasler mit den Unternehmen Autophon und Zellweger zum Technologiekonzern Ascom. Die Vorgängerfirmen der Ascom und ihre Konkurrenten Standard Telephon und Radio AG Zürich sowie Albiswerk Zürich AG hatten den Telefonmarkt unter sich aufgeteilt. Standard produzierte einst in der Roten Fabrik in Wollishofen, später gehörte sie zur Alcatel. Aus dem Albiswerk in Albisrieden wurde die Siemens Schweiz. Die PTT teilten ihre Bestellungen bei den Herstellern so auf, dass alle genug ausgelastet waren.

Anschluss nicht geschafft
Die Digitalisierung der Telefonie und die Liberalisierung des Marktes stellte eine Zäsur dar. Schweizer Telefonhersteller verschwanden langsam vom Markt. Die Ascom wurde von Wirtschaftsjournalisten abwertend als «Gemischtwarenladen» bezeichnet. Heute ist das Unternehmen immer noch tätig, etwa im Gesundheitsbereich mit einem speziellen Smartphone fürs Pflegepersonal.

Karl Lüönd: «Versuch, Erfolg, Irrtum. Telekomindustrie von Hasler zu Ascom». Verein für wirtschaftshistorische Studien, Zürich, 2020. www.pioniere.ch

Zuerst veröffentlicht in «Züriberg» vom 23. Juli 2020.

Dieser Zürcher suchte rastlos nach Erdöl

Arnold Heim 1958 bei erfolgreichen Bohrungen im Iran. Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Arnold Heim

Vor 100 Jahren arbeiteten viele Schweizer Geologen für Erdölunternehmen. Einer von ihnen war Arnold Heim. Er reiste um die Welt, um Öl zu finden.

Die Corona-Krise stellte die Erdölbranche auf den Kopf. Die Abnehmer fehlten, die Nachfrage ging drastisch zurück, und die Preise fielen. Mittlerweile sind die Erdölpreise zwar wieder gestiegen, doch die Achterbahnfahrt hatte Auswirkungen auf die ganze Weltwirtschaft.

Noch vor etwa 100 Jahren, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, war die Ölproduktion kaum ausgebaut. Es herrschte wegen der Petroleumlampe oder der ersten Autos mit Verbrennungsmotoren Knappheit. Die Suche nach Öl versprach Reichtum. Ein Konkurrenzkampf zwischen Europäern und Amerikanern entflammte.

Spezialisten waren gefragt
Ab 1910 und in den 1920er-Jahren kam es zu einer Professionalisierung in der Erdölforschung. Die Nachfrage nach Spezialisten stieg. «Erdölunternehmen heuerten fortan regelmässig ausgebildete Geologen für verschiedene Teile der Welt an, zunächst überwiegend mit temporären Verträgen, später mit Festanstellungen», heisst es im Buch «‹Swiss Gang› – Pioniere der Erdölexploration». Auch Schweizer erhielten Jobs.

Einer der Ersten, die sich im Ausland bewarben, war der Zürcher Arnold Heim. «Zahlreiche Aufträge für Ölexpertisen während fast 50 Jahren für die wichtigsten Erdölgesellschaften machten ihn zu einem bedeutenden Pionier und führenden Erdölgeologen seiner Zeit», schreibt Historikerin Monika Gisler.

Der 1882 geborene Heim ging ins Ausland, weil es für Geologen im eigenen Land kaum Arbeit gab. International waren Schweizer Geologen – hauptsächlich Männer – hingegen begehrt. Dies nicht nur wegen der guten Ausbildung an den Hochschulen. Für viele Unternehmen waren sie interessant, weil sie aus einem neutralen Land stammten. Das galt vor allem in Kolonien oder ehemaligen Kolonien als Vorteil. So wurde etwa in Niederländisch-Indien Öl gefördert. Das Land war ein Vorläufer Indonesiens und stand unter der Herrschaft der Niederlande.

Arnold Heim hatte an der ETH studiert und trat in die Fussstapfen seines Vaters Albert Heim. Dieser gilt als einer der bedeutendsten Geologen seiner Zeit. Arnold Heims Mutter war die erste Schweizer Ärztin, Marie Heim-Vögtlin. Mit Anna Heer gründete sie die erste Frauenklinik. Solch einflussreiche Eltern zu haben, dürfte für Arnold Heim auch eine Bürde gewesen sein. Er entwickelte sich zu einem Experten, blieb jedoch ein Umgetriebener. Den Wunsch des Vaters, eine akademische Laufbahn einzuschlagen, erfüllte er nicht. Heim lehrte zwar als Privatdozent an der Universität Zürich und der ETH, war kurze Zeit Professor an der Sun-Yat-sen-Universität im chinesischen Guangzhou. Mehrheitlich war er aber als Forscher und zeitweise im Auftrag von Erdölgesellschaften unterwegs. Sein Interesse galt nicht nur der Geologie, sondern der Naturbeobachtung. Heim kritisierte auch das Verhalten des weissen Menschen gegenüber anderen Völkern.

Mit dem Auto durch die Sahara
1909 nahm Heim an der ersten Schweizer Grönland-Expedition Alfred de Quervains teil, der das Landesmuseum Zürich 2020 eine Ausstellung widmete. In der Zeit zwischen den Weltkriegen, also ab Ende November 1918 bis September 1939, führte Heim für Shell geologische Untersuchungen durch, darunter in Neukaledonien, Australien und Tahiti. Der Geologe war für die «Eastern Syndicate» in Kuwait und Bahrain. «Arnold ölt scheint’s wieder», schrieb Berufskollege Daniel Trümpy 1920. Heim begleitete den Flugpionier Walter Mittelholzer auf dessen erster Nord-Süd-Durchquerung Afrikas in einem Wasserflugzeug oder durchquerte die Sahara in einem Citroën. Finanziell waren die Aussichten nicht rosig, die Suche nach Öl fand unter beschwerlichen Bedingungen statt und war nicht immer erfolgreich.

Seine erste gesicherte Stelle erhielt Heim erst 1949. Der bald 70-Jährige wurde Chefgeologe der staatlichen Iran Oil Co. Mit fast 80 Jahren war der Zürcher nochmals als Experte tätig, dieses Mal für die Regierung von Taiwan. Zeitlebens hatte er sich dafür eingesetzt, auch in der Schweiz Erdöl zu finden. Er war überzeugt, man könne Mengen erzielen, um den Landesbedarf zu decken. Aus heutiger Sicht ist klar – «Erdöl aus der Schweiz bleibt ein Wunschtraum», wie es im Buch «‹Swiss Gang› – Pioniere der Erdölexploration» heisst.

Heim starb 1965. Er wurde auf dem Friedhof Sihlfeld beigesetzt.

Zum Weiterlesen Monika Gisler: «‹Swiss Gang› – Pioniere der Erdölexploration». Verein für wirtschaftshistorische Studien, Zürich, 2014. www.pioniere.ch

Zuerst veröffentlicht in «Züriberg» vom 25. Juni 2020.

Als die Schweiz noch unbedeutend war

Die Eisenbahn als Motor für das Land: Der Neubau des Hauptbahnhofs im Jahr 1867. Foto: Baugeschichtliches Archiv

Die Schweiz hatte Anfang des 19. Jahrhunderts den Anschluss verloren: Dank einer Aufholjagd gelang der wirtschaftliche Aufstieg.

Sie war die erste Schweizerin an einer Schweizer Hochschule: Im Jahr 1868 immatrikulierte sich Marie Heim-Vögtlin an der Universität Zürich und studierte Medizin. Gemeinsam mit Anna Heer gründete sie die erste Frauenklinik. Der Marie-Heim-Vögtlin-Weg beim Triemlispital erinnert an die erste Schweizer Ärztin.
Doch Heim-Vögtlin und Heer waren keineswegs die einzigen Frauen, die in diesen Jahren das Land mitprägten und eine Pionierrolle einnahmen. Das zeigt das Buch «Das Laboratorium des Fortschritts. Die Schweiz im 19. Jahrhundert» von Historiker Joseph Jung.

Menschen stehen im Mittelpunkt
Trotzdem kommen Frauen in der Geschichtsschreibung nur am Rande vor. Dass diese weiblichen Pioniere von der Gesellschaft nicht als solche wahrgenommen und von der Forschung lange nicht aufgenommen worden seien, liege auch daran, dass sie dazu angehalten waren, im Hintergrund zu wirken, so Jung im Buch.

Frauen wurden Steine in den Weg gelegt. Da war etwa Emilie Kempin-Spyri, Nichte der Autorin Johanna Spyri, die mit ihrem Roman «Heidi» weltberühmt wurde. Emilie Kempin-Spyri studierte zwar als erste Frau Rechtswissenschaften in Zürich, durfte dann aber hierzulande nicht praktizieren. Sie wanderte nach New York aus und gründete eine Rechtsschule für Frauen. 1891 kehrte sie zurück und wurde als erste Privatdozentin an der Universität Zürich zugelassen.

Vom Tourismus zur Industrie
Die Stärke des Buchs «Das Laboratorium des Fortschritts» liegt darin, dass man es nicht von vorne bis hinten durchlesen muss, um den besonderen Zeitgeist des 19. Jahrhunderts zu erfahren. Joseph Jung hat sein Werk in fünf Teile gegliedert, die eigene Geschichten erzählen. Der Historiker schildert die Schicksale von Auswanderern, der Erstbesteigung des Matterhorns, aber auch den Aufbruch in Tourismus, Wirtschaft und Wissenschaft. Das umfangreiche Personenregister lässt erahnen, wie viele Menschen es brauchte, damit der Aufstieg der Schweiz gelang. Dort findet man Hans Caspar Escher. Er gründete 1805 mit dem Bankier Salomon von Wyss eine Baumwollspinnerei. Mit der Zeit konstruierte die Escher, Wyss & Cie eigene Spinnmaschinen und bald Turbinen, Dampfschiffe und Lokomotiven.
Oder Mechaniker Johann Georg Bodmer: Nach seiner Mechanikerlehre eröffnete er 1807 eine mechanische Werkstätte in Küsnacht. Später führte Bodmer Fabriken in England. Er galt als begabter Erfinder und bewies damit, dass Schweizer Industrielle bereits ein hohes Niveau erreicht hatten.

Heute ist die Schweiz für ihren Finanzplatz, ihre Technik und den Tourismus weltweit bekannt. Anfang des 19. Jahrhunderts war sie allerdings ein unbedeutender Kleinstaat. Ein Gesandter des Grossherzogtums Baden schrieb 1829, dass mit der Schweiz nie etwas anzufangen sein werde. In Teilen des Landes grassierte grosse Armut. «Die Situation im Land zeigte sich für viele Schweizerinnen und Schweizer derart hoffnungslos, dass die Emigration als einzige Lösung blieb», heisst es im Buch. Erst mit der Gründung des Bundesstaates 1848 konnte sich die Schweiz entwickeln. Vorher hatten Zollschranken zwischen den Kantonen und unterschiedliche Währungen den Handel gehemmt.

Zürich wurde immer wichtiger
Als Motor stellte sich die Eisenbahn heraus. Im Eisenbahnbau war die Schweiz ebenfalls in Rückstand geraten. Als 1844 die Strecke Basel– Strassburg eröffnet wurde – die ersten Bahnschienen auf Schweizer Boden –, hatten die deutschen Staaten und Frankreich bereits Tausende Streckenkilometer in Betrieb.

Dass die Schweiz doch noch aufholte, ist massgeblich Personen wie Alfred Escher, entfernt mit dem Industriellen Hans Caspar Escher verwandt, zu verdanken. Der Eisenbahnpionier, Unternehmer und Politiker wollte Zürich als zentralen Verkehrsknotenpunkt etablieren. Dass dies gelang, davon zeugt heute der Hauptbahnhof. Auch die Gotthardbahn gehört zu seinem Werk. Weil der Bau von Eisenbahnen aber viel Kapital erforderte, mussten ausländische Banken einspringen. Um sich von dieser Abhängigkeit zu befreien, initiierte Alfred Escher die Gründung der Schweizerischen Kreditanstalt – heute Credit Suisse. Damit war ein wichtiger Grundstein für Zürichs Aufstieg zum Finanzplatz gelegt.

Dass sich all der Pioniergeist lohnte, zeigte sich schon 1864. Damals meinte ein bayrischer Diplomat: «Man kann gewiss sagen, dass die kleine Schweiz einer der grössten Industriestaaten der Welt ist.» In nur 35 Jahren hatte sich seit den negativen Aussagen des Gesandten aus Baden also viel getan.

Joseph Jung, Das Laboratorium des Fortschritts. Die Schweiz im 19. Jahrhundert. NZZ Libro 2019, 678 Seiten, 100 Abb. ISBN 978-3-03810-435-3.

Zuerst veröffentlicht im «Züriberg» vom 12. März 2020.